Wer dachte, die bayerischen Voralpen böten lediglich das Panorama für kitschige Postkarten und maximal die Aufregung eines Hirsches, der mal wieder die Vorfahrt missachtet, der wurde jüngst eines Besseren belehrt. Der Landkreis Bad Tölz, stets eine Überraschungstüte für Freunde des absurden Alltags, lieferte den Beweis: Das Leben schreibt manchmal Geschichten, bei denen selbst ein erfahrenes Drehbuchautoren-Team mit der Stirn runzelt. Ein Autofahrer, offenbar ein Vorbild an Bürgertugend, meldete pflichtbewusst einen Wildunfall. Ein Rehkitz sei es gewesen, so die erste Meldung, die im Funkverkehr der Polizei wohl unter der Rubrik 'Business as usual' abgelegt wurde. Man kennt das ja: Reh überfahren, Mitleid heucheln, Formular ausfüllen. Aber was dann am Unfallort in der bayerischen Idylle auf die Beamten wartete, war weniger 'Bambi' und mehr 'Anden-Abenteuer'. Statt eines zarten Rehkitzes, dessen Augen zum Himmel flehen, stand da, sichtlich irritiert, aber ansonsten wohlauf, ein ausgewachsenes Lama. Ein Lama! Im Tölzer Land! Man fragt sich ja, ob das Tier auf der Suche nach einem neuen Alpakahaus war, in dem es seine traumatischen Erlebnisse vom letzten Almabtrieb verarbeiten konnte, oder ob es einfach nur die bayerische Landschaft genießen wollte, bevor es zur nächsten Yoga-Stunde musste. Die Polizeibeamten, deren Gesichter vermutlich zwischen ungläubigem Staunen und dem inneren Kampf gegen einen Lachanfall changierten, mussten sich wohl erstmal die Augen reiben. Ein 'Rehkitz', das locker eine halbe Tonne auf die Waage bringt und dessen Hauptnahrung nicht zarte Grashalme, sondern eher die ungläubigen Blicke der Lokalbevölkerung sind. Der Kühlergrill des unglücklichen Autofahrers hatte jedenfalls mehr als nur ein 'Kitz' zu verdauen. Das Tier, ein Ausreißer von einem nahen Hof, wurde dann glücklicherweise unversehrt seinem Besitzer übergeben. Man kann sich die Szene vorstellen: Der Landwirt, der sich schon Sorgen machte, wo sein 'Gras-Staubsauger' abgeblieben war, nimmt sein Lama entgegen, während die Polizisten noch immer versuchen, ihre Fassung zu bewahren. Ein Fall, der wohl noch lange beim Stammtisch für Gesprächsstoff sorgen wird – und der beweist: Im Tölzer Land ist selbst das Wild tierisch gut gelaunt, aber eben manchmal auch tierisch falsch identifiziert. Wenn der Wildunfall zur exotischen Tierrettung wird, dann weiß man: Man ist in Bayern, und hier ist alles anders.